Kann man Usability erlernen?


Janine Karbulka, Consultant Testing

Ein Erfahrungsbericht aus dem ersten ISTQB Certified Tester Usability Tester Kurs der SwissQ

«Wo bin ich denn jetzt gelandet?» Die Applikation auf meinem Smartphone wechselt zu einem vollflächigen Bild. Das Menü ist plötzlich weg. Leise grummle ich in mich hinein, schüttle – nicht zum ersten Mal – den Kopf und vermerke ein Usability-Problem.

My daily struggle – the struggle is REAL!

Letztes Jahr hatte ich das Glück den Pilotkurs ISTQB Certified Tester Usability Tester Kurs der SwissQ zu besuchen. Gerade recht, denn als Mobile Testerin erlebe ich leider sehr häufig, dass Usability, bzw. User Experience (UX) nicht, schlecht oder zu spät beachtet wird. Deshalb treffe ich oft auf Beispiele wie diese:

  • Unklare Abläufe: Die App wechselt nicht nachvollziehbar zwischen den Dialogen und lässt mich «Lost in Space» zurück. Ich frage mich, wie ich wieder zurückkomme ohne die App ganz zu schliessen und es noch einmal von vorne zu probieren.
  • Dicke Finger: Winzige Buttons, die ganz nah am Rand angebracht sind, Icons welche nur aus einem Schriftzeichen bestehen? Menschen mit dickeren Fingern, zittrigen Händen oder einer eingeschränkten Sicht haben damit echte Schwierigkeiten. Accessibility-Probleme sind viel häufiger als man glaubt und betreffen nicht nur sehbehinderte Menschen.
  • Schlechtes Gefühl: Alles funktioniert wie es soll und doch… ich mag die App nicht. Überladen mit verwirrenden Inhalten und gleichzeitig wenig vertrauenerweckend. Hier möchte ich meine sensiblen Daten nicht eingeben. Dies verdeutlich den Unterschied von Usability zu UX: Obwohl die App das tut was ich will, also die Usability in Ordnung ist, würde ich die App nicht weiterempfehlen.

Diese Beispiele zeigen auf wie divers das Thema «Usability» eigentlich ist. Eine Ausbildung, um ihren vielen Aspekten Herr zu werden, ist also unumgänglich!

Usability – Software für dich und mich

Technologie und insbesondere mobile Technologie ist in unserem Alltag omnipräsent. Die Herausforderung der Hersteller ist es, diese Technologie für ganz verschiedenen Menschen so einfach, komfortabel benutzbar und sympathisch wie möglich zu machen. Im Trends and Benchmark Report 2018 der SwissQ wird ganz deutlich: Es gibt noch viel Luft nach oben. Die Wichtigkeit des Themas UX und Usability spürt die SwissQ anhand der steigenden Anfragen zu diesem Thema. Sei es auf der Seite Requirements/Business Analyse oder Testing: Usability und UX gewinnen an Wichtigkeit und sind damit auch ein wichtiger Erfolgsfaktor! Eine Ausbildung zum Thema erhöht also auch die persönlichen Marktchancen.

Kurs für Theorie & Praxis

Um Usability erfolgreich zu implementieren, muss man sie verstehen und wissen, wie Usability erreicht und überprüft werden kann. Aus diesem Grund kommt der SwissQ ISTQB Kurs zum Thema Usability Testing wie gerufen!
Aufbauend auf den Syllabus, kreierte SwissQs Adrian Häfeli einen praxisnahen Kurs, welcher die Theorie für die Praxis erlebbar macht.

Bewusstsein schaffen

Als erstes ging es darum, überhaupt Bewusstsein für das Thema zu schaffen. Zum einen durch die Unterteilung von Usability, UX und Accessibility aber auch durch viele praktische Beispiele. Eindrücklich fand ich dabei das Thema Accessibility – und wie viele Menschen tatsächlich davon betroffen sind! Gemäss Schweizer Accessibility Studie 2016 rund 20% der Schweizerinnen und Schweizer. Ein Praxisbeispiel zur fehlenden Accessibility ist mir dabei besonders geblieben: Ein Sehbehinderter Mensch kann eine Standortsuche, welche die Informationen ausschliesslich auf einer Schweizerkarte anbietet, nicht bedienen beziehungsweise aus dem Bild keine Informationen entnehmen.

«Ich fand das Thema Accessibility besonders interessant – was man alles berücksichtigen muss. Und auch, dass mit einer guten Accessibility das Benutzererlebnis für alle oft besser wird.»

Nadine Anderson, SwissQ-Conferences-Team

Methoden der Evaluierung im Fokus

Den weitaus grösseren Teil des Kurses machten die verschiedenen Methoden zur Usability-Evaluierung aus. Vom Review, welches durchaus auch informell sein darf, über verschiedene Heuristiken und Richtlinien, bis zum Usability-Test im Labor mit externen Testusern.

Meist beschäftigten wir uns zunächst mit einem kurzen Theorieteil. Zum Beispiel lernten wir die Methode der Heuristischen Evaluation kennen. Diese erlaubt es, mit wenig Zeit und Aufwand annähernd objektive Aussagen über die Usability eines Systems zu treffen.

Adrian ergänzte den Stoff um relevante Anekdoten aus dem Daily Business und liess uns die verschiedenen Methoden am eigenen Leib erleben und in Übungen ausprobieren. Bei einer Übung überprüften wir ein Formular mittels Heuristiken. Spannend zu sehen dabei war, wie auf den ersten Blick ganz einfach und klar formulierte Heuristiken von den Teilnehmenden zunächst ganz unterschiedlich interpretiert wurden.

Andere Übungen beschäftigten sich mit der geeigneten Formulierung von Aufgaben für den Usability-Test. Gar nicht so einfach Aufgaben zu stellen wo sich der Tester in die Testsituation möglichst gut hineinversetzen kann, dabei kurz, verständlich und konkret zu bleiben und dabei keine Lösungshinweise in der Aufgabe zu geben.

Das machte mir besonders klar, wieso es ausgebildete und erfahrene Experten braucht, welche die Methoden aus dem Effeff beherrschen.

Aus dem Methodenrucksack kombinieren

Besonders gefallen hat mir, dass es immer wieder Platz für Diskussionen und Erfahrungsaustausch gab und Adrian nicht nur Frontalunterricht gab. Dies gab mir einen sehr guten Einblick in das How To… und in die Denkweise anderer Kursteilnehmender.

Wie die verschiedenen Methoden kombiniert und entlang des Produktentwicklungszyklus angewendet werden können, war eines meiner wichtigsten Take-Aways aus den Kurs. Je nach gegebenen Ressourcen, Risiken und Fragestellungen kann aus dem Baukasten der Möglichkeiten – vom Review am Papierprototypen bis zur Userbefragung nach dem Live-Gang – die ideale Kombination gewählt werden. Dazu meinte auch eine andere Teilnehmerin, Regina Meyer (Testing Consultant), dass eine Haupt-Erkenntnis für den Berufsalltag sicher die sei, dass das Thema Usability schon vor dem Testen betrachtet werden muss. Die beiden Kurstage vergingen sehr schnell – ja, fast zu schnell! Es war nämlich nicht nur interessant, sondern machte auch Spass! Als Tüpfelchen auf dem i bestanden alle der Teilnehmenden des Kurses im Anschluss die Zertifizierungsprüfung.

My daily Usability

Nach dem Kurs habe ich ein besseres Verständnis von Usability und dem Prozess der Menschzentrierten Softwaregestaltung (ISO 9241). Beim Testen besitze ich nun auch die richtigen Argumente und den richtigen Methodenrucksack um Usability zu evaluieren. Uwe Materna, Senior Consultant: «Dank des Kurses kann ich die Usability-Anforderungen präziser formulieren und deren Business-Nutzen besser begründen.» Aber nicht nur die Anforderungen und Argumente werden geschärft, wenn man einen Blick in Richtung Usability wirft. Ganz verschiedene Probleme können damit schon an der Wurzel angepackt werden.

Schauen wir uns doch noch einmal die Beispiele von Anfang des Artikels an:

  • Unklare Abläufe: Hier hätte es geholfen die Abläufe mit echten Usern schon im Papierprototyp durchzuspielen.
  • Dicke Finger: Accessibility-Richtlinien helfen dabei, sich die Herausforderungen, die unterschiedlichen Arten von Menschen haben, bewusst zu machen und darauf zu reagieren.
  • Schlechtes Gefühl: Die User Experience kann man schon sehr mit der Anwendung von Herstellerrichtlinien (z.B. von Apple) verbessern und mittels Fragebogen nach dem Live-Gang evaluieren.

Den Einstieg nicht verpassen

Der Kurs ist ein sehr guter Einstieg in das Thema Usability. Wer eine gute Einführung in das Thema und klare Handlungsideen entlang des Produktentwicklungszyklus sucht, dem sei der Kurs ganz klar empfohlen! Da er sich auf den gesamten Zyklus und Verständnis von Usability generell bezieht, richtet er sich nicht nur an Tester sondern ist auch für RE/BA, PO/PL interessant und wertvoll.

Der nächste Kurs findet am 17/18 April statt. Weitere Details und Anmeldung finden Sie auf der SwissQ Academy Seite.

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