Vier Wege zu einem schlechten Usability-Test


Adrian Häfeli, Senior Consultant Business Analyse / Usability
Notfallknopf oder Türöffner

Notfallknopf oder Türöffner? (Foto: Janine Karbulka,
Juli 2019)

Wie viele Personen haben die Feuerwehr mit diesem Notfallknopf alarmiert, weil sie ihn mit dem Türöffner verwechselt haben?

Eine schlechte Usability eines Produkts verursacht im Betrieb Kosten – sei es durch zu umfangreiche Benutzerhandbücher, sehr ausführliche Schulungen, ineffiziente Abläufe oder wie in diesem Beispiel zu nicht benötigten Alarmierungen der Feuerwehr. Richtig angewandt, hat sich in meinem Alltag als Usability-Experte die Methode Usability-Test bewährt. Stolperfallen, welche den Nutzen dieser Methode stark schmälern, werde ich in diesem und weiteren Blogartikeln thematisieren.

Der Usability-Test ist eine gute Methode, um bereits früh im Produktentwicklungsprozess zu evaluieren, ob ein Produkt eine gute User Experience (UX) – wozu das Teilgebiet Usability zählt – hat. Einerseits, weil die Resultate dank dem Einbezug von Benutzenden repräsentativ sind und andererseits, weil die Methode wenig Aufwand erfordert. Leider treffe ich immer wieder auf die folgenden vier Stolperfallen:

  1. Mythos: «Gute Ergebnisse erreicht man nur mit vielen Usability-Testteilnehmenden»
  2. Familienangehörige und Freunde als Usability-Testpersonen
  3. Fokussierung auf einfache Aufgabenstellungen
  4. Usability-Test am Ende der Entwicklung

In diesem Blogartikel widme ich mich der ersten Stolperfalle: Ich zeige auf, dass bereits mit fünf Usability-Testteilnehmenden repräsentative Ergebnisse vorliegen.

Die Investition in eine gute User Experience lohnt sich

Bei Aktivitäten für die Erreichung einer guten UX zu einem Produkt, sehen leider immer noch viele Produktverantwortliche hauptsächlich die Kosten anstatt die Gewinne:

  • Bewertungen von Apps, die mit einer guten UX in der Regel besser ausfallen, sind ein wichtiger Faktor beim Kaufentscheid.
  • Der Markt für Dienstleistungen im Bereich Digitalisierung ist sehr kompetitiv. UX-Aktivitäten tragen bei der Erarbeitung der Dienstleistungen wesentlich dazu bei, diese genau nach den Bedürfnissen der Benutzenden zu gestalten.
  • Eine gute UX spart Mehrkosten im Betrieb, wie das Beispiel mit dem benutzerunfreundlich platzierten Notfallknopf zeigt.
  • Mit UX-Aktivitäten erkennt man rasch Funktionen, deren Notwendigkeit zwar plausibel ist, aber die vom Benutzer nicht verwendet werden. Alles, was nicht entwickelt wird, macht Mittel frei und reduziert die Time-to-market.

Usability-Test: Repräsentative Benutzende lösen repräsentative Aufgaben

Bei einem Usability-Test lösen repräsentative Benutzende repräsentative Aufgaben auf einem Prototypen, Entwicklungsrelease oder Produktivsystem: Sie lösen diese selbständig und werden dabei beobachtet. Anschliessend gibt es ein kleines Interview, insbesondere um die Eindrücke abzufragen. Dies zeigt, wie gut Benutzende aus der Zielgruppe das Produkt bedienen können und wo Verbesserungspotential liegt. Ein Beispiel, wie man einen Usability-Test erfolgreich durchführt, zeigt der Blogartikel «Usability-Testing in der Praxis» von Christoph Wolf, Principal Consultant bei SwissQ.
Wenn Produktverantwortliche beim Thema Usability-Test den angeblich hohen Aufwand als Gegenargument einbringen, ist oft folgende Stolperfalle der Grund.

Stolperfalle#1 – Mythos «Gute Ergebnisse nur mit vielen Usability-Testteilnehmenden»

«Usability ist mir wichtig, aber wir haben nicht das Budget für einen Usability-Test». Diese Antwort erhielt ich einmal auf den Vorschlag, einen Usability-Test durchzuführen. «Also vier Tage liegen noch gut im für UX-Aktivitäten geschätzten Budget», entgegnete ich. «Vier Tage reichen nicht: Unsere Benutzer sind Fachspezialisten aus 26 Kantonen mit verschiedenen Auswertungsbedürfnissen, unterschiedlicher Erfahrung und Computer-Affinität. Davon müssen wir eine repräsentative Auswahl an Benutzenden abdecken, mindestens zehn Personen. Es ist zentral, dass die Resultate nicht mit dem Argument einer zu kleinen Stichprobe „angreifbar“ sind». Diesen Bedenken des Projektleiters entgegnete ich mit folgender Grafik aus einer Untersuchung von Jakob Nielson.

Ergebnisse im Verhältnis zur Anzahl Testteilnehmende80% des Verbesserungspotentials decken die ersten fünf Testteilnehmende auf
(Grafik: Nielson, 19.03.2000)

 

Nielson hat im Jahr 2000 nachgewiesen, dass für einen Usability-Test fünf Testteilnehmende ausreichend sind, weil mit diesen bereits ca. 80% des Verbesserungspotentials aufgedeckt wird. Der zusätzliche Informationsgewinn pro weiteren Testteilnehmenden wird dann immer kleiner.
Die Grafik überzeugte den Projektleiter: «Die vorgeschlagenen vier Tage sind in Ordnung, wenn Du diese Untersuchung im Usability-Testkonzept zitierst und sie beim Produktverantwortlichen (des Kunden) erwähnst. Ich will keine Diskussionen führen, dass wir Aktivitäten verrechnen, die nicht aussagekräftig sind».

Quelle: Nielson Jakob (19.03.2000): Why You Only Need to Test with 5 Users, Nielsen Norman Group, aufgerufen am 17.06.2020.

Echte Benutzende lösen echte Aufgaben

So durften fünf repräsentative Benutzende eine Auswahl repräsentativer Aufgaben auf einem Entwicklungsrelease lösen. Aus den gut 40 Befunden ist mir folgender in spezieller Erinnerung geblieben: Vier der fünf Probanden verwechselten den Befehl zum Hinzufügen weiterer Analysekriterien mit dem Befehl zum Ausführen der Analyse. Dieser Befund war überraschend, da wir bereits früh in der Produktentwicklung mit zwei Fachexperten ähnliche Aufgaben durchgespielt haben. Diese Situation ist ein exemplarisches Beispiel dafür, wie für Projektbeteiligte aufgrund der Themenbearbeitung vieles klar ist. Es ist deshalb wertvoll und notwendig, das Produkt wieder aus der Brille der Endbenutzenden zu betrachten.

Es war mir wichtig, dass der Produktverantwortliche des Kunden und der Projektleiter die Usability-Testsitzungen beobachten. Das räumt in der Regel die letzten Zweifel an der Methode aus. Der Projektleiter meinte: «Ich hätte nicht gedacht, dass man in so kurzer Zeit so viel Verbesserungspotential aufdeckt».

Die Benutzerschulung hat bewiesen, dass die fünf Usability-Testteilnehmende ausreichend waren. 95% der Benutzenden waren sehr zufrieden mit der Applikation. Niemand landete bei den Analysekriterien, wenn er eigentlich die Analyse ausführen wollte.
Der Projektleiter meinte, dass er eine solch positive Resonanz selten erlebt habe. Besonders freute ihn die Aussage eines Benutzers: «Endlich kann ich mich voll auf den Inhalt der Analyse konzentrieren, anstatt mich mit dem „zusammenkratzen“ der Daten herumschlagen zu müssen».

Die Krux bei der Auswahl von Usability-Testteilnehmenden

Wenn bei der Planung die Anzahl der Usability-Testteilnehmenden definiert ist, stellt sich die Frage nach den geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten. Im nächsten Blog schildere ich, weshalb es eine Stolperfalle ist, bei einem Usability-Test Familienangehörige und Freunde dafür zu rekrutieren.

Erfolgsfaktor Planung

Die Evaluation der UX, wozu sich die Methode Usability-Test sehr gut eignet, gehört in die Planung der Produktentwicklung. SwissQ Consultants integrieren mit ihrem 360 Grad Mindset UX- und Usability-Aktivitäten selbstverständlich in den Arbeitsalltag. Von der Produktvision über das Product Engineering bis zum Testing wählen sie die auf die aktuelle Situation passenden Methoden aus einem breiten Set an Erfahrung und Methodenwissen aus – um Ihr Produkt zum Erfolg zu bringen.

Möchten auch Sie den Erfolgsfaktor UX und Usability für Ihr Produkt nutzen? Gerne bespreche ich unverbindlich Ihre aktuelle Herausforderungen mit Ihnen. Schreiben Sie mir auf adrian.haefeli@swissq.it, LinkedIn oder XING.

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