JIRA – der „Newcomer“ unter den Testmanagement- Werkzeugen


Niko Messerschmidt, Testing Consultant

SwissQ publiziert schon seit mehreren Jahren die Trends & Benchmarks im Bereich der Softwaretests. Es werden Themen wie die Ausbildung und Fähigkeiten der Tester, Testwerkzeuge, Methodiken uvm. beleuchtet.

Im Bereich der Testmanagement Tools (TM- Tools) gab es bei der letzten Umfrage eine grosse Überraschung. Führten HP QC/ALM und MS Office die Liste in den letzten Jahren an, so sprang in diesem Jahr JIRA wie aus dem Nichts an die dritte Position.

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Wir beobachteten in der Vergangenheit den Zuwachs von Tosca und Microsofts Test Manager, die es  bisher nicht über die 20% schafften. Und nun erscheint JIRA auf der Bildfläche mit einer drei Mal so hohen Verbreitung gegenüber diesen beiden Tools.

Ist JIRA das Testmanagement- Tool der Zukunft?

Was ist hier passiert? Weshalb hält JIRA den Einzug in die Riege der TM- Tools?

Ich habe da einige Vermutungen wie:

  • der Lizenzpreis bzw. der Kosten-Nutzen-Aspekt
  • das Unverständnis komplexer TM- Tools bei einem grossen Teil der Projektmitarbeiter
  • aufgrund agiler Vorgehen steigt der Bedarf nach schlankeren Verwaltungs- Tools.

Darf man aber JIRA als ein professionelles TM- Tool bezeichnen? Falls nicht, durch welche Funktionalitäten wird es dann diesem Ruf gerecht? Und können sich denn hunderte Befragte in diesem Punkt irren? Schliesslich wird JIRA von ihnen als ein Testmanagement- Werkzeug angesehen. TM- Tools sind das Handwerkszeug der Testmanager und Tester. Jedoch ist JIRA ein Task Management Tool – offiziell als “Projektverfolgungstool für Teams” bezeichnet, das durch PlugIns erweitert werden kann. Bis heute ist es jedoch kein vollwertiges Application Lifecycle Management Tool (ALM- Tool). Nun gut – JIRA erhebt nicht den Anspruch ein Testmanagement-Tool zu sein. Vielmehr sind es die Benutzer und die Möglichkeit, JIRA mit weiteren Anwendungen zu kombinieren bzw. mit PlugIns je nach Bedürfnis zu erweitern. Und das macht JIRA so erfolgreich und geniesst ein hohes Ansehen, wie auch die grosse Verbreitung.

Die Schwachpunkte

Ein Schwachpunkt von JIRA ist die fehlende Traceability über die verschiedenen Artefakte wie Anforderungen, Testfall und Defect hinweg. Und ich kenne noch keinen einfachen Weg, die Möglichkeiten von JIRA so zu nutzen, dass man eine durchgehende Traceability erhält. Ich habe von Umsetzungen gehört, die durch Kombination von JIRA und Confluence eine praktikable Lösung geschaffen haben. Und ich bin mir sicher, dass weitere Kombinationsmöglichkeiten mit JIRA in Projekten anzutreffen sind. Persönlich bin ich als Testmanager auf eine möglichst tool-gestützte Auswertung der Traceability angewiesen. Ohne sie sind Statistiken, die mir Rückschlüsse auf den Testprozess und Optimierungspotential geben, aufwendiger. Wie soll ich ohne Traceability beispielsweise den Überblick über die Testabdeckung effizient behalten?

Vielleicht möchte JIRA wie viele Open Source Tools den alt eingesessenen Testmanagement- Werkzeugen zeigen wie es besser geht? Oder sollten die Tage der kostenintensiven, eierlegenden-wollmilchsau- Tools gezählt sein?

Die Komplexität von Software steigt, der Termindruck steigt, die Kosten müssen sinken, aber die Qualität soll hoch sein/bleiben. Der Kostendruck steigt auch im Testing – jeder muss sparen. Wird aber auch am richtigen Ende gespart? Vielleicht ist oft das Testbudget so knapp, dass nicht viel für Software-Lizenzen übrig ist? Wie man zum passenden TM-Tool gelangt zeigt mein Kollege Alain Weibel in seinem Blog „Wie finde ich die optimale Testmanagement-Software?“ auf. passenden TM-Tool auf.

Und was kostet das?

JIRA bietet interessante Preismodelle, sowohl ein Hosting auf eigener Infrastruktur, als auch in der Cloud. Ein reiner Vergleich der Preise der verschiedenen TM- Tools ist jedoch nicht zielführend, da die Mächtigkeit der Werkzeuge verschieden ist. Daher gehe ich davon aus, dass JIRA für viele Projekte das optimal Kosten-Nutzen- Verhältnis bietet.

Wie steht es um die Komplexität? 

Oft ist die Testunterstützung von Mitarbeitern notwendig, die in ihrer täglichen Arbeit nichts mit Testen zu tun haben. Beispielsweise sollen Kollegen aus dem Fachbereich mit Testfällen und Defects  arbeiten. Dann ist die Einarbeitung in das Werkzeug ein weiterer Punkt auf der Agenda der Testmanager. Bei den mächtigen Testmanagement- Tools sind Trainings für die User notwendig, die entsprechend Zeit und Zusatzkosten erzeugen.

An dieser Stelle scheint JIRA genau den optimalen Mix von Funktionsumfang und Komplexität, sowie die schnelle, intuitive Erlernbarkeit ohne  aufwendige Trainings zu bieten.

„Die Locker-Unbeschwertheit, mit denen ich vor Jahre Test Cases in JIRA verwalten konnte, ist bis heute unübertroffen.“ David Berger (SwissQ)

Andererseits fehlen vielleicht Zeit, Geld oder gar der Wille für die Einarbeitung in neue Tools? Für Tester hingegen ist eine Einarbeitung in neue Tools i.d.R. keine große Sache, da die Einarbeitung in zu testende Anwendungen und Fachlichkeit ihr täglich Brot ist.

Wie flexibel müssen TM- Tools sein?

Vielleicht sind gestandene Testmanagement- Tools zu unflexibel und schwerfällig im Bereich agiler Vorgehen? Die Umsetzung neuer Anforderungen in neuen Releases dauert zu lange, so dass ein offenes und leichtgewichtiges JIRA hier punkten kann. Im agilen Umfeld entscheidet oft das Team über Tools und nicht ein einzelner Test Master.

Oder existieren in den Unternehmen Zwänge zur Vereinheitlichung der Tool-Landschaft, in der JIRA fast nicht mehr wegzudenken ist?

Fazit

Ich sehe verschiedene Gründe für den steilen Aufstieg von JIRA in die Reihe der Testmanagement- Tools. Es wird oft von den meisten Teammitgliedern zur Organisation und Überwachung von Aufgaben verwendet. Da ist es sinnvoll, wenn möglichst alle im Team mit ein und demselben Werkzeug arbeiten – also auch die Tester. In vielen Projekten reichen JIRA’s grundlegende Funktionen aus, um das Testmanagement zu unterstützen. Falls die Anforderungen steigen sollten, dann kann man sich durch PlugIns wie beispielsweise Zephyr behelfen. Die einfache Erweiterung des Funktionsumfangs, die Kombination mit anderen Werkzeugen und die relativ einfache und intuitive Handhabung machen JIRA erfolgreich.

Da stellt sich mir die Frage: In welchen Situationen kommt man an Office, HP ALM & Co. nicht mehr vorbei?

Alle Details zu den Zahlen

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One thought on “JIRA – der „Newcomer“ unter den Testmanagement- Werkzeugen”


  • Hallo,

    ein sehr guter Artikel, der mir (seit über 20 Jahren Test- und Qualitätsmanager) aus der Seele spricht und dem ich deswegen nur uneingeschränkt zustimmen kann. Als Freiberufler sehe ich immer öfter, daß JIRA in den Firmen eingesetzt wird.
    Obwohl ich JIRA zu schätzen weiss, sehe ich dessen Einsatz als ALM-Lösung bzw. Testmanagement-Tool sehr kritisch.
    Meine Erfahrungen mit den unzähligen JIRA-Plugins (auch Zephyr) sind leider nicht sehr erfreulich. Oftmals werden diese dann nur eingesetzt, um JIRA „mal schnell“ aufzubohren und es schnellstmöglich zur eierlegenden Wollmilchsau zu machen. Die damit verbundenen Risiken werden oftmals unterschätzt und von den höheren Management-Ebenen den Benutzern aufgedrückt.

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