Stakeholdermotivation im Requirements-Engineering


Patrick Bucheli,

Dies ist der zweite Teil meiner Blogreihe. Im ersten Teil habe ich einen kleinen Einblick in die psychologischen Aspekte eines Requirements-Engineers (RE) gewährt, in diesem Teil werde ich nun spezifisch auf Aspekte der Motivation eingehen und aufzeigen wie sich die Motivationspsychologie im Zusammenhang mit Stakeholdermanagement konkret nutzen lässt.

Nebst bestehenden Dokumenten und der System Archäologie sind Stakeholder wohl die am häufigsten angetroffene Quelle von Requirements. Allerdings kommt es oft vor, dass die Stakeholder zu wenig Anreiz sehen oder keine Zeit haben nebst ihrem Alltagsgeschäft zusätzlich an einem Produkt mitzuwirken.
Trotzdem sind wir stark auf die Mitarbeit unserer Stakeholder angewiesen. Denn nur mit ihrer Hilfe können wir die Qualität des zu entwickelnden Produktes sicherstellen.

Eine Möglichkeit die die Mitarbeit der Stakeholder am Produkt unterstützt, bietet uns die Motivationspsychologie.
Denn die Motivation versteht sich als unser innerer Treiber, der dafür verantwortlich ist eine bestimmte Handlung auszuwählen und ein gewolltes Ergebnis zu erzielen.

Was wir Requirements-Engineers also tun müssen, sind die Personen einerseits dazu zu bewegen die Handlung auszuwählen, die unser Produkt unterstützt und andererseits ein Ergebnis zu bieten, das für sie einen persönlichen Wert generiert.

Doch wie tun wir das mit Hilfe der Psychologie?

Nachhaltige Stakeholder Motivation

Häufig werden für die Motivation der Mitarbeiter externe Anreize wie der Lohn oder Bonussysteme verwendet (Zum Beispiel das Liefern des Projektes in Zeit und Budget). Doch wie wir aus der 2-Faktoren-Theorie von Herzberg wissen, verhindern solche (Hygiene-) Faktoren zwar die Unzufriedenheit, wirklich motivieren tun sie allerdings nicht. Deshalb ist es umso wichtiger intrinsische Anreize für die Stakeholder zu schaffen, sodass sie ihrer selbst willen Teil des Produktes sein wollen und im Produkt einen Wert für sich persönlich wieder-erkennen.

Dies zum Beispiel, weil sie:

  • Es für spannend empfinden
  • Viel lernen können
  • Karrierechancen besitzen
  • In der Rolle im Projekt Einfluss haben
  • Das Produkt die “Pains“ auflöst

Das Aufzeigen einer positiven Cost-Benefit-Analyse ist also nicht die Lösung zum Problem, vielmehr soll den Stakeholdern von uns Requirements-Engineers erklärt werden, welcher Mehrwert für sie persönlich entsteht wenn sie aktiv an der Entwicklung des Produkts teilnehmen.

Doch wie weiss ich, welche intrinsischen Motive die Stakeholder verfolgen?

Der Schlüssel – “The Big Three“

Ein Ansatz für intrinsische Motive, der sich in der Praxis immer wieder bewährt hat, lieferte uns David McClelland bereits 1961. Er war es, der drei bestimmte Kategorien von intrinsischen Motivatoren identifizierte und als stabile Persönlichkeitsmerkmale erkannte.

Diese Ausprägungen sind auch unter dem Namen “The Big 3“ bekannt und lauten:

  1. Anschlussmotiv
  2. Leistungsmotiv
  3. Machtmotiv

Zwei weitere Aspekte, welche wir noch zusätzlich berücksichtigen müssen, sind die Hoffnung und die Furcht. Denn nach Zielen zu streben bedeutet einerseits zu hoffen, dass gewünschte Ziel zu erreichen, andererseits aber auch zu befürchten, das angestrebte Ziel zu verfehlen.

Um sich besser vorstellen zu können, was sich hinter den einzelnen Motiven verbirgt, sind einige typische Charakteristiken in den Grafiken kurz zusammengefasst. Dabei sind die Treiber, die Faktoren, welche wir RE’s unseren Stakeholdern, abhängig vom Motiv, bieten müssen und die Anreize, die Ziele, welche die Stakeholder damit verfolgen.

Die Anwendung in der Praxis in drei Schritten

Wir wissen jetzt also, dass die Stakeholder einen inneren Treiber besitzen und wir uns bewusst sein müssen, dass Hoffnung und Furcht das angestrebte Ziel zu erreichen bzw. zu verfehlen, ebenfalls eine Rolle spielen. Deshalb ist es wichtig, dass wir den Stakeholdern Anreize bieten, welche ihnen veranschaulichen welchen Mehrwert das Produkt für sie generiert. Und genau dort müssen wir RE’s unsere Stakeholder abholen.

Dies bedeutet konkret, dass wir in drei Schritten zum Ziel, nachhaltig motivierte Stakeholder, gelangen können.
Doch dafür müssen wir:

  1. Das Motiv (Anschluss, Leistung, Macht) der Stakeholder identifizieren
  2. Die Anreize analog dem Motiv der Stakeholder setzen
  3. Die Motive im Sinne der Nachhaltigkeit dokumentieren (Tipp: vertraulich)

Dies lässt sich besonders gut während der Erhebung der Anforderungen einsetzen ohne effektiv ein Mehraufwand zu generieren. Allerdings ist dies etwas, dass allgemein und unabhängig vom Sprint oder einer Projektphase eingesetzt werden kann und sich nicht auf die Erhebung beschränkt. Zudem ist die Evaluation des Motivs aufgrund seines stabilen Charakters einmalig.

Aufgrund meiner Erfahrungen bin ich überzeugt, dass die Identifikation des Motivs (Leistung, Macht, Anschluss) einen grossen Mehrwert für uns RE’s und das Produkt darstellt, weshalb ich Euch vorschlage es einfach mal selber auszuprobieren.

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