Im Duell: IREB/CPRE gegen IIBA/BABOK Guide – Teil 1: IIBA/BABOK


Christoph Wolf, Principal Consultant

Was muss ich als Requirements Engineer wissen, um erfolgreich in meinem Arbeitsumfeld bestehen zu können? IREB (International Requirements Engineering Board) und IIBA (International Institute for Business Analysis) haben beide weit verbreitete Good Practices zu Requirements Engineering und Business Analyse herausgebracht, auf deren Basis Schulungen und Zertifizierungen durchgeführt werden. Nun stellt sich die Frage, welcher Ansatz für welche Situation besser geeignet ist. Dieser Frage werde ich in drei Blogbeiträgen nachgehen. Den Anfang macht der BABOK Guide.

Der BABOK Guide

Ziel des IIBA ist es, Business Analyse zu fördern. Dazu hat es den Leitfaden zum Business Analysis of Knowledge ®, kurz BABOK Guide [BABOK] herausgebracht. Der BABOK Guide beschreibt ein Framework für die Aufgaben in der Business-Analyse und versucht damit einen Standard zu setzen. Dieser Ansatz erinnert an den PMBOK Guide [PMBOK] des Project Management Institute, ein weit verbreiteter Projektmanagement-Standard. Und tatsächlich ist der Aufbau beider Guides sehr ähnlich. Der BABOK Guide liegt zur Zeit in Version 2 vor. Die Version 3 ist in Vorbereitung. Es sind aber keine dramatischen Änderungen zu erwarten, lediglich einige thematische Erweiterungen und einige Verschiebungen der Schwerpunkte.

Der BABOK Guide dient als Grundlage für zwei Zertifizierungen, CCBA (Certification of Competency in Business Analysis) und CBAP (Certified Business Analysis Professional), auf die ich in einem anderen Blogbeitrag noch eingehen werde.

Die Wissensgebiete

IIBA teilt im BABOK Guide die Business-Analyse in sechs Wissensgebiete (Knowledge Areas) ein, die verschiedene Aufgabe beinhalten. Das Zusammenspiel der Wissensgebiete ist in folgendem Diagramm vereinfacht dargestellt.

BABOK_Areas

Business Analyse Planung und Controlling
Das Vorgehen, die Aktivitäten und die Kommunikation im Rahmen der Business Analyse sowie des Anforderungsmanagements werden geplant. Es werden Metriken definiert und die Business-Analyse-Arbeit anhand dieser Metriken überwacht. Ausserdem gehört die Stakeholder-Analyse in dieses Wissensgebiet. Business Analyse Planung und Controlling ist eine übergreifende Tätigkeit über die anderen Wissensgebiete.

Unternehmensanalyse
Die derzeitige Situation des Unternehmens wird analysiert, die Fähigkeiten des Unternehmens und die Lücken (Capability Gaps) bewertet und die Business-Anforderungen dokumentiert. Danach wird der Lösungsansatz und –umfang (Solution Approach and Scope) sowie der Business Case entwickelt.

Erhebung der Anforderungen
Die Erhebung der Anforderungen wird vorbereitet und durchgeführt, die Resultate werden dokumentiert und die Anforderungen durch die Stakeholder validiert.

Anforderungsanalyse
Die Anforderungsanalyse umfasst die Spezifikation, Modellierung, Strukturierung, Validierung, Priorisierung und Verifizierung von Anforderungen. Ausserdem werden Annahmen und Einschränkungen definiert.

Anforderungsmanagement und -kommunikation
Die Anforderungen und ihre Verfolgbarkeit (siehe Blogbeitrag über Traceability)  sowie der Lösungsumfang (Solution Scope) werden verwaltet. Dabei ist auch ihre Wiederverwendung zu berücksichtigen. Die Anforderungen werden dann von den Stakeholdern genehmigt. Die Kommunikation bezüglich Anforderungen ist ebenfalls Teil dieses Wissensgebietes.

Lösungsbewertung und –validierung
Eine oder mehrere Lösungsmöglichkeiten werden bewertet und eine Empfehlung betreffend der anzustrebenden Lösung wird ausgesprochen. Anforderungen werden Systemkomponenten oder Releases zugewiesen. Es wird untersucht, ob die Organisation bereit für den Einsatz der neuen Lösung ist und daraufhin die Anforderungen für den Übergang zur neuen Lösung (Transition Requirements) definiert. Die Validierung umfasst (Abnahme-)Tests inklusive Analyse der Fehler und die Evaluation, ob die neue Lösung den Erwartungen entspricht.

Aufgaben und Techniken

Für jede Aufgabe (z.B. Durchführung der Erhebung) beschreibt der BABOK Guide den Input, also Artefakte oder Informationen (z.B. Geschäftsbedürfnisse oder Lösungsumfang), die Elemente/Methoden (z.B. Erfassen der Anforderungsattribute), mögliche Techniken (z.B. Brainstorming, Workshops), involvierte Stakeholder (z.B. Kunde, Experten) sowie das Resultat (z.B. das dokumentierte Ergebnis der Erhebung).

Die Techniken beschreibt der BABOK Guide ausführlich in einem eigenen Kapitel inklusive der Punkte, die man bei der Anwendung beachten sollte. Weiterhin erklärt er die Kompetenzen, die ein Business-Analyst mitbringen sollte, wie z.B. analytisches Denken, Verständnis für das Business, Kommunikationsfähigkeit und andere Verhaltenskompetenzen.

Besonderheiten des BABOK Guides

Viele sehen Business Analyse und Requirements Engineering als verschiedene Disziplinen an, die sich etwas überlappen. Business Analysten bewegen sich auf der Ebene der Geschäftsziele, -strategien, -prozesse und Business-Anforderungen. Der Requirements Engineer ist dagegen für die Spezifikation, die Modellierung und das Verwalten der System- bzw. Produktanforderungen zuständig. Nach dem BABOK Guide startet Business Analyse bei Unternehmensanalyse, deckt die kompletten Requirements-Engineering Aufgaben ab und endet dann beim Abnahmetest. Dass heisst, Requirements Engineering ist ein Teilbereich der Business Analyse.

Im BABOK Guide werden, anders als hier dargestellt, die Wissensgebiete „Erhebung der Anforderungen“ und „Anforderungsanalyse“ vor der „Unternehmensanalyse“ abgehandelt. Der BABOK Guide versteht zwar die einzelnen Wissensgebiete nicht als Phasen eines Projektes, aber ich habe mich trotzdem sofort gefragt, was das soll. Zwar sind Anforderungs-Erhebungs- und Analyse-Methoden auch für die Unternehmensanalyse hilfreich, aber auch nach BABOK Guide sind viele Outputs der Unternehmensanalyse Inputs für die Anforderungserhebung. Daher habe ich die Reihenfolge im Diagramm und in der Beschreibung der Wissensgebiete geändert, da ich sie persönlich so anschaulicher finde.

Die Aufgaben und Techniken sind sehr formalistisch beschrieben und der gesamte BABOK Guide liest sich meiner Meinung nach alles andere als spannend. Es ist also eher nichts für einen Neuling im Bereich Business Analyse. Insgesamt bietet der BABOK Guide eine sehr umfangreiche Beschreibung davon, wie Business Analysten arbeiten können, allerdings mehr auf einer theoretischen Ebene, was aber auch üblich für einen (Quasi-)Standard ist. Er ist also eher für erfahrene Requirements Engineers und Business Analysten geeignet als für Anfänger.

Wer also schon einige Erfahrung im Requirements Engieering hat, kann sich durchaus an die Lektüre des BABOK Guide wagen. Er bietet vor allem für Spezialisten, die an internen Prozessen arbeiten, und für Manager in diesen Bereichen eine umfangreiche Quelle für Anregungen.

Wie geht es weiter

Im zweiten Blogbeitrag dieser Reihe werde ich den IREB/CPRE vorstellen und ihn im dritten Blogbeitrag mit IIBA/BABOK vergleichen.

Literatur

[BABOK] International Institute of Business Analysis, Leitfaden zum Business Analysis Body of Knowledge – BABOK Guide 2.0, Wettenberg, 2012, www.iiba.org
[PMBOK] Project Management Institute, A Guide to the Project Management Body of Knowledge, 5th Edition, Newtown Square, 2013, www.pmi.org

Weitere Blog lesen

0 thoughts on “Im Duell: IREB/CPRE gegen IIBA/BABOK Guide – Teil 1: IIBA/BABOK”


    Schreibe einen Kommentar