Digitale Transformation in der Schweiz – Chance oder Gefahr?


SwissQ,
Digitale Transformation, das ist, wenn meine Freundin zu mir zieht und sich beschwert, dass sie nicht alle Behördengänge Online erledigen kann. Digitale Transformation ist auch, wenn ich Bücher schreibe und sie nicht mehr über einen Verlag oder Amazon verkaufe, sondern direkt auf meiner Webseite. Mit Bezahlung per Paypal und direktem Download für den Käufer.
Beim Stichwort Digitale Transformation geht es darum, dass wir aufgrund technologischer Neurungen ein anderes Verhalten und eine andere Erwartung an den Staat und Unternehmen stellen und unseren Alltag anders gestalten. Es werden neue Jobs geschaffen und alte verändert.

Die Digitale Transformation bezeichnet einen fortlaufenden, in digitalen Technologien begründeten Veränderungsprozess, der die gesamte Gesellschaft und insbesondere Unternehmen betrifft. Basis der digitalen Transformation sind digitale Technologien

Arbeitsplätze verändern sich

Bestehende Arbeitsplätze ändern sich. Meine Post kann ich künftig nicht mehr im Quartiersladen abholen, sondern die Post bietet mir “mehr Service” in der grossen Halle am Bahnhof. Es muss gespart werden, denn kaum jemand schreibt noch Briefe.

69% der Schweizer kaufen mindestens einmal im Monat Online ein

(Quelle: Netzwoche). Die Informationen zu diesen Einkäufen holt man sich meist auch Online. Rezensionen im Online Shop und die Testberichte von Influencern wie mir werden aufmerksam studiert. Beratung im Fachgeschäft gibt es kaum noch.
Meinen Beruf des Software-Testmanagers wird es in drei Jahren nicht mehr geben, so habe ich am Swiss Testing Day 2017 gelernt. Das stört mich allerdings gar nicht: Ich arbeite bereits zu 80% in einem neuen Beruf, den es vor ein paar Jahren noch nicht gab: Ich bin ein Digitaler Nomade.

Silvio Moser am Swiss Testing Day in Zürich

Silvio Moser am Swiss Testing Day: Den Testmanager wird es in drei Jahren nicht mehr geben

Als professioneller Software-Tester erlebe ich den Einfluss privater Erlebnisse auf die Unternehmenssoftware. Wenn wir ein neues System in einer Behörde einführen, dann reden wir immer öfter über Design und Usability. Die Sachbearbeiter sind nicht mehr bereit, altbackene Systeme zu verwenden, die langsam oder mühsam zu bedienen sind. Das Smartphone wird zur Referenz auch für Grosssysteme.
Wenn ich eine Frage an die Schweizer Bahn habe (oder mein Zug Verspätung hat), dann schreibe ich das auf Facebook und markiere die SBB – die auch prompt reagiert. Meist innerhalb von Minuten. Das ist die neue Selbstverständlichkeit in der Kommunikation mit Unternehmen!
Reisefotografie: Death Valley

Reisefotografie: Death Valley

In meinem letzten Fotografie-Podcast ging es um das Thema Reisefotografie. Ich habe ein Interview mit einem Spezialisten für Reisefotografie geführt. Er sass in Hamburg, der Moderator in Kiel und ich in Bern. Der Hörer weiss das nur, weil wir es am Anfang gesagt haben. Die Qualität von Sprachkonferenzen ist heute so gut, dass es keinen Grund mehr gibt, dafür in ein gemeinsames Treffen zu veranstalten.
Das sind nur eine Handvoll Beispiele. Niemand schreibt einen Brief auf dem WC – einen Whatsapp Chat hingegen schon. Der Gedanke von “immer erreichbar” und “alles muss Online möglich sein” wird für uns immer selbstverständlicher.

Daten sind das neue Öl

„Und? Was meinst Du zur Keynote von Google?“, ich stehe am Swiss Testing Day 2017 beim Kaffee und spreche mit einem Kollegen über den Vortrag zum Thema Stimm-Steuerung von Android Handys. „Der Vortrag macht mir vor allem Sorge. Mir ist bewusst geworden, wie viel Google über mich weiss.“, kommt die Antwort. Einen Moment nicken wir weise, sippen an unserem Kaffee und wechseln dann das Thema. Unser Verhalten werden wir wohl nicht ändern und Google kann weiter wachsen.

Es fehlt die Erkenntnis, dass wir beim Surfen und Kommunizieren, in sozialen Medien und beim Online-Einkaufen einen Einblick in unsere Gedanken geben, ungleich mehr als Kameras und Mikrofone zu leisten vermögen.

Big Data ist das Stichwort der letzten Jahre in der IT. Wir haben die Infrastruktur geschaffen, um mit grossen Datenmengen umzugehen und Kunden zielgerichtet anzusprechen. Segmentierung ist das neue Zauberwort im Marketing. Banken, Versicherungen und der Einzelhandel profitieren davon. Wenn ich heute bei Digitec im Shop etwas ansehe und dann zu Facebook wechsle – erwartet mich dort bereits die Werbung für das eben angesehene Produkt. Weiss Digitec, dass ich mich dafür interessiere? Oder Facebook? Oder nur Google? Und noch wichtiger: Weiss meine Frau, dass ich schon wieder eine neue Kamera kaufen will?

The Long Tail ist Wirklichkeit geworden

Im bahnbrechenden Buch The Long Tail hat Chris Anderson bereits 2008 davon gesprochen, dass es mit dem Internet möglich ist, die Nischen-Wünsche von Menschen zu bedienen und damit grosses Geld zu verdienen. Mein E-Book mit 9 Lektionen zum Fotografieren lernen kostet nur 5 EUR. Aber wenn es tausende Hobby-Fotografen kaufen und ich niedrige Transaktionskosten habe – dann brauche ich keinen Verlag mehr.
Digitaler Nomade in der Schweiz

Digitaler Nomade in der Schweiz

In Zukunft werden wir immer mehr Mini-Firmen sehen – und manche grosse Firma wird verschwinden. Andere Firmen werden sich anpassen: Die Customer Experience rückt plötzlich (endlich?) viel mehr in den Vordergrund. Und dank Big Data wissen Firmen besser als früher, was ich will.

Software schafft Arbeitsplätze

Bis vor ein paar Jahren war häufig neue Hardware der Treiber von Veränderungen. Das iPhone hat Apps erst ermöglicht. Dank der Apps sind wir immer Online, immer erreichbar und immer am Kommunizieren. Wir nutzen Apps von Uber, Instagram oder Youtube. Wir shoppen im Zug, teilen den GPX-Track von unserem Mittagslauf auf Strava und überweisen mit dem Fingerabdruck per Paypal. Die Hardware wird immer mehr zur Nebensache. Design und Software rücken in den Vordergrund.
Wenn Software immer komplexer wird und ein neues System sofort von Millionen Usern verwendet wird, dann steigen auch die Anforderungen an diese Software. An ihre Sicherheit, Performance, Usability und Funktionalität. Während also in der Industrie immer mehr Roboter Arbeitsplätze übernehmen, suchen wir in der IT händeringend gute Leute in allen Bereichen. Siehe z.B.: http://swissq.it/de/jobs/
Bernhard Witz auf Slackline - Foto by Stephan Wiesner

Sicherheit ist wichtig: Slackliner Bernhard Witz aus Bern oberhalb von Kandersteg

Fazit

Digitale Transformation, das ist das Buzzword für einen Trend zu immer mehr Vernetzung. Der Fitnesstracker an meinem Arm redet mit meinem Handy. Den Einkauf bezahle ich mit dem Fingerabdruck und Behördengänge erledigt man heute im Browser.
Nicht nur in der IT merken wir, dass die Welt sich ändert. Wir kommunizieren zusehend anders miteinander, mit Behörden und Unternehmen. Firmen, die sich an diese Trends nicht anpassen, werden es künftig immer schwieriger haben. Ständig neue Firmen und Produkte tauchen am Markt auf (oder verschwinden wieder).
Arbeitnehmer müssen immer mehr bereit sein, sich ständig weiter zu entwickeln und flexibel zu sein. Gleichzeitig gibt es aber auch viele neue Chancen. Arbeiten im Home Office z.B. habe ich in dem Beitrag Pendelst Du noch oder arbeitest Du schon angesprochen.
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One thought on “Digitale Transformation in der Schweiz – Chance oder Gefahr?”


  • Gleich beim Einstiegssatz musste ich schmunzeln:
    „Digitale Transformation, das ist, wenn meine Freundin zu mir zieht und sich beschwert, dass sie nicht alle Behördengänge Online erledigen kann.“
    Ja, leider. Ist halt noch nicht da.

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