Mein ungewöhnlicher Start als Zunftmeisterin


SwissQ,

Die Trennung der fachlichen und disziplinarischen Führung liegt im Trend und kommt in der Praxis immer häufiger vor. SwissQ bietet die Möglichkeit, im Rahmen des Zunftsystems fachliche Führung zu übernehmen. Bisher kannte ich Zünfte nur aus Geschichtsbüchern und dem Umzug der Zünfte am Zürcher Sechseläuten. Bei SwissQ sind die Zünfte allerdings keine „Kaste“ zur Verteidigung der Monopolstellung und dem Wahren der Geheimnisse. Sie sind selbstorganisierende Einheiten, die ein fachliches Thema vorantreiben. In diesem Blog-Beitrag möchte ich euch von meinen Erfahrungen als Zunftmeisterin berichten.

Von 0 bis Zunftmeisterin nach knapp 2 Wochen

Knapp zwei Wochen nach meinem Start bei SwissQ wurde ich, zu meiner grösser Überraschung, Zunftmeisterin der Agile Requirements Engineering Zunft. Als der Zunftmeister gewählt werden sollte, wurde überraschend meine Kandidatur vorgeschlagen. Ich musste nicht lange überlegen, das Angebot anzunehmen. Die folgende Diskussion war kurz und bestätigte meine Wahl zur Zunftmeisterin. Obwohl ich am Anfang nicht viel über die angehende Aufgaben wusste und die Wahl für mich eine Überraschung war, konnte ich an der Position einiges erreichen und habe in meinen ersten 3 Monaten als Zunftmeisterin viel gelernt. Mögen meine Erfahrungen all jenen dienen, die sich vor der gleichen Herausforderung der fachlichen Führung sehen.

Photocredit: Culture Code

Meine sieben Tipps für angehende Zunftmeister – oder wie man fachlich führt

  • Don’t panic!
    Eine Führungsperson sollte vor allem eins sein, eine Vertrauensperson. Anzeichen von Angst und Panik ruinieren die Glaubwürdigkeit und suggerieren Inkompetenz. In das Gegenteil- nämlich Überheblichkeit – darf man natürlich auch nicht verfallen. Am besten man bleibt authentisch und zeigt eine positive und optimistische Einstellung und Zuversicht, dass man die Aufgabe meistern kann.
  • Erwartungen klären
    Wissen, was zu den Aufgaben gehört und was nicht und wo die Abgrenzung der eigenen Rolle zur nächsten ist, hilft der Stärkung der eigenen Position und der Zusammenarbeit im Team. Auch SwissQ befindet sich permanent in Veränderung und damit auch die Personal- und Aufgabenstruktur. In meiner Situation hat sich ergeben, dass der Zunftmeister ein „Servant Leader“ ist und dem Team hilft, durch fachliche Aufgaben zur Entwicklung des Unternehmens beizutragen.
  • Grundlagen schaffen
    Eine der wichtigsten Aufgaben des Zunftmeisters ist es, Sicherheit zu schaffen und Unentschlossenheit zu vermeiden. Unabhängig davon, vor welcher Entscheidung das Team steht, ist es besser, in einem angemessenen Zeitraum Entscheidung zu treffen als das Team für eine lange Zeit im Ungewissen zu lassen. Da die Zunft-Organisationsform für alle neu war, mussten einige Prozesse und Vorgehensweisen neu definiert werden. Eine grosse Hilfe in meiner Rolle als Zunftmeister war der SwissQ Culture Code. Transparenz bei den Spielregeln und Prinzipien ist für die Teamzusammenarbeit sehr förderlich.
  • Kommunikation definieren
    Bei jeder Art von Zusammenarbeit, aber vor allem dann, wenn Resultate in Form von Artefakten erarbeiten werden, sind regelmässige Feedbacks sehr wichtig. Wenn nicht klar ist, wie mit den Feedbacks umzugehen ist und ob erwartet wird, dass diese von den Teammitglieder immer umgesetzt werden, verliert die Feedbackkultur im Team an Bedeutung. Darum ist es z.B. nötig vor der Bearbeitung jedes Artefaktes zu definieren, von wem das Feedback abgeholt werden soll. Auch wichtig ist es, aus den unterschiedlichen Feedbacktechniken (bzw. Retrospektiven), die passende zu wählen, um sie schnell und unkompliziert umzusetzen. 
  • Vertrauenszuschuss und Wertschätzung
    Gegenseitige Wertschätzung und Vertrauen sind, für eine produktive Zusammenarbeit, extrem wichtig. Das Schaffen einer vertrauensvollen Atmosphäre ist deshalb auch eine der Aufgaben des Zunftmeisters. Einer der grössten Fehler, die ein Zunftmeister darum machen kann, ist Mikromanagement. Führung durch Kontext ist, wenn immer möglich, der Führung durch Kontrolle vorzuziehen. Das geschieht durch das gemeinsame Verständnis von Visionen und Zielen. Ich gab von Anfang an den Teammitgliedern Vertrauenszuschuss. Bei jedem Erfolg oder abgeschlossenen Aufgabe habe ich Lob ausgesprochen und grössere gemeinsame Erfolge wurden gemeinsam gefeiert.
  • Raum für Kreativität schaffen
    Als selbstorganisierende Einheit soll eine Zunft ihre eigenen Aufgaben definieren, angehen und so ihre Kreativität ausleben und entfalten. Aber wie führt man Kollegen, die über mehr Erfahrung oder Fachwissen verfügen, damit sie die Gelegenheit zur Kreativität erhalten? Das bemerkenswerte in der Fachführung ist, dass man nicht unbedingt mehr als die Teammitglieder wissen, sondern vor allem den geeigneten Raum für Entwicklung und Kreativität erschaffen soll. Das bedeutet nicht, dass man sich nicht für das Thema interessieren muss. Ich habe viele, neue fachliche Aspekte erfahren und ebenso viele Fragen gestellt und mich mit dem Thema soweit auseinandergesetzt, damit wir im Team eine gemeinsame Sprache sprechen.
  • Durch eigenes Vorbild führen
    Beispiele erfolgreicher Leader zeigen, dass Mitarbeiter sich am besten durch gute Vorbilder und Rollenmodelle inspirieren lassen. Wer Termine zu spät plant und nicht einhält, Aufgaben verschlampt und nur halb erledigt kann keine bessere Leistung von seinem Team erwarten. Der Leader gibt den Ton an und das eigene Verhalten spielt eine wichtige Rolle für die Motivation und Leistungsfähigkeit des Teams. Als Maxime gilt: die Kollegen so behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte. 

Zum Schluss

Obwohl das Zunftsystem vor kurzem eingeführt wurde, entstanden in den Zünften bereits viele tolle Ideen. Mehrere dieser Ideen wurden bereits umgesetzt wie zum Beispiel das Agile Requirements Engineering Plakat. Da wir als selbstorganisierende Zunft unsere Aufgaben selber aus den strategischen Zielen abgeleitet und definiert haben, war die Motivation der Teammitglieder entsprechend hoch.

Die Aufgabe des Zunftmeisters ist, diese Motivation des Teams hoch zu halten und in die konkrete Ergebnisse umzuwandeln.

Generell ist die Erfahrung als Zunftmeisterin sehr bereichernd und lehrreich für mich. Ich würde eine ähnliche Funktion in der fachlichen Führung jedem empfehlen, der Interesse an der fachlichen Fragestellungen und Führung eines Teams hat.

Es gilt wie sonst bei anderen Aufgaben: jeder Anfang ist schwer, aber je offener, zuversichtlicher und aufgeschlossener man in die Aufgabe herangeht, desto mehr kann man erreichen und dabei lernen. Also – simply enjoy and have fun!

Newsletter abonnieren

0 thoughts on “Mein ungewöhnlicher Start als Zunftmeisterin”


Schreibe einen Kommentar